Theater in Berlin

Den Karatefans in unserem Bezirk ist der Name von Alexey Demanow wohlbekannt. Vor einigen Jahren hat er hier den Sportklub „Dankezu“ ins Leben gerufen, in dem Jugendliche und Heranwachsende aus Marzahn-Nordwest Kampfsport der Kyokushinkan-Schule trainieren. Die Bürger unseres Stadtteils erinnern sich wahrscheinlich noch an den Auftritt seiner Schützlinge bei unserem Fest „5 Kontinente zu Gast in Marzahn-Nordwest“. Die jungen Sportler konnten damals ihre Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen des Karate zeigen: die jüngere Gruppe bei den Grundlagen der Kihon-Technik, die ältere bei Übungen mit dem Zerschlagen von Brettern, dem Herausschlagen von Gegenständen aus den Händen und dem Zerbrechen von Betonfliesen. Doch Alexey beschränkt sich nicht nur auf den Sport: im deutsch-russischen Tschechow-Theater in Berlin führt er thematische Abende durch und organisiert alljährlich vor den Februar2008 005.jpgNeujahrsfeierlichkeiten den Winterkarneval.

Und das ist sein neues ernst zu nehmendes Projekt: Gemeinsam mit seinen Helfern aus dem Klub und Sponsoren hat es Alexey geschafft, am 1. März in Berlin die erste deutsche Meisterschaft im Vollkontaktkarate für Jugendliche und Heranwachsende zu organisieren und durchzuführen. Der Wettkampf war offen, und neben den deutschen Sportlern nahmen Kämpfer aus Armenien, Estland, Polen, Russland, der Ukraine und Litauen teil. Aufgrund rein technischer Hindernisse konnten die Mannschaften aus Belgien und der Türkei nicht kommen. Deutschland wurde von Mannschaften aus Rostock, Korbach, Winterberg und drei Mannschaften aus Berlin vertreten. Insgesamt haben an den Wettkämpfen ungefähr 130 Mädchen und Jungen teilgenommen. Sie alle kämpften in verschiedenen Gewichts- und Altersklassen (von 4 bis 16 Jahren) um den Titel des deutschen Meisters in dieser Sportart.

Februar2008 015.jpgAlexey selbst hat bereits 1991 in Russland begonnen, Karate zu betreiben. Als er nach Deutschland kam, trat er für die Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Valencia an, zweimal errang er den Titel des deutschen Meisters, und er bekam den schwarzen Gürtel. Seine Schützlinge siegen nicht nur bei den angesehensten Wettkämpfen in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und bei europäischen Turnieren. In Berlin ist ihnen niemand ebenbürtig. Im Klub trainieren neben einheimischen Deutschen sehr viele Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR. Auf die Frage, ob seine Schützlinge aus dieser Bevölkerungsgruppe noch nie Schwierigkeiten mit der Polizei gehabt hätten, versichert Alexey, dass nicht nur diejenigen, die gegenwärtig im Klub Sport treiben, sondern auch die, die den Klub aus Altersgründen schon verlassen haben, nie in einen solchen Zwischenfall verwickelt waren.

Bei der Meisterschaft wurde mehrmals voller Dankbarkeit die Förderung und Unterstützung erwähnt, mit der sich der Kulturring in Berlin e.V. an der Organisation beteiligt hat. Persönliches Engagement zeigte unter anderem die Leiterin des deutsch-russischen Tschechow-Theaters in Berlin, Alena Gawron. Die Abschlussveranstaltung mit der Siegerehrung fand in den Räumen des Theaters statt.

Leben in den Städten

Welcher Kultur fühlen Sie sich stärker zugehörig, der russischen oder der deutschen?

Der deutsch-russischen oder, wenn Sie so wollen, der russisch-deutschen. Ich trenne das Russische und das Deutsche in mir nicht, sie sind in mir verschmolzen. Um so mehr, als sie so viel gemeinsam haben…

Russland und Deutschland – ist das eine glückliche Ehe oder eine Ehe aus Berechnung?

Ich weiß nicht, ob sie glücklich ist, auf Berechnung beruht sie jedenfalls nicht. Was soll das auch für eine Berechnung sein, wenn das Schicksal seine Hand im Spiel hat? In mir lebte zuerst das Gefühl, deutsch zu sein. Was das war, warum ich es spürte, ich weiß es nicht. Solange ich denken kann, habe ich mich als Deutscher gefühlt, wobei ich in der Atmosphäre eines Dorfes im Gebiet Wladimir aufgewachsen bin, und eine „russischere“ Atmosphäre kann man sich nicht vorstellen, sodass ich natürlich alles Russische in mich aufgenommen habe. Deshalb steht es mir genauso nah wie das Deutsche. Ich denke, ich kann mich sehr gut in einen russischen Menschen hineindenken, ich denke, ich wurde auch dadurch geprägt, doch da war auch die Familie, eine richtige typisch deutsche Familie, meine wunderbaren Eltern, die mich erzogen und mir zu Bildung verholfen haben. Dennoch hatte ich immer das Empfinden, meinem Deutschsein würde etwas fehlen, das ich auffüllen wollte, um ein richtiger Deutscher zu werden. Deshalb ging ich auch an die Hochschule für Fremdsprachen und studierte nicht Philosophie, was ich eigentlich mehr gewollt hätte. Dann aber habe ich mich in die deutsche Literatur verliebt, und sie ist mein Beruf geworden. Nebenbei bemerkt, mache ich auf meine deutschen Freunde übrigens immer den Eindruck eines Russen. Logisch ist das natürlich an keiner Stelle.

Wiktor Astafjew hat geschrieben: „Der russische Mensch ist so ein Abgrund…“ Was können Sie dazu sagen, und was ist die russische Kultur im gegenwärtigen Kontext – und was die deutsche?

Was den Abgrund betrifft, so ist das ein ewiges russisches Gesprächsthema und auch ein immer wieder notwendiges, doch es erfordert sehr viel Zeit. Über dieses Thema kann man gut nächtelang in der Küche mit einem Freund philosophieren, der aus Sibirien nach Moskau gekommen ist, wenn die Frau und die Kinder schon schlafen, besonders bei der zweiten Flasche Wodka. Das ist die sowjetische Version, nicht die von Turgenjew. Doch das Gespräch dreht sich dennoch um ein und dasselbe. Interessant ist an Ihrer Frage etwas anderes: Sie haben gleich nach der russischen und der deutschen Kultur gefragt, und im 20. Jahrhundert haben sie doch beide furchtbare Erschütterungen hinnehmen müssen. Es ist symptomatisch, dass auch die vorangegangenen Tragödien dieser Völker immer zur selben Zeit passierten: Das 17. Jahrhundert war sowohl für Russland als auch für Deutschland ein Jahrhundert der Erschütterungen. In Deutschland war nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht einmal mehr ein Drittel der Bevölkerung übrig, und ebenso viele Häuser waren zerstört. Die Erfahrung des Leidens und der anschließenden Suche nach einem neuen Lebensmodell bringt die Deutschen und die Russen einander näher.

Aber sie trennt sie doch auch. Denn die Deportation nach Sibirien und Kasachstan ist eine der tragischsten Seiten in der Geschichte der Deutschen in Russland…

Ich würde die deutsche Gesellschaft gern daran erinnern, dass das Schicksal der Russlanddeutschen nicht nur ihre Privatangelegenheit ist, sondern auch ein Bestandteil des Schicksals des ganzen deutschen Volkes. Von allen „weißen Flecken“ in der Geschichte der vertriebenen Deutschen ist gerade die Geschichte der Russlanddeutschen im Bewusstsein der derzeitigen Bürger der Bundesrepublik Deutschland der „weißeste Fleck“. Gerade deshalb sprechen wir heute nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart und die Zukunft. Gerade deshalb habe ich, als ich meinen Verlag gegründet habe, als eines der ersten Bücher „Die Zone der totalen Ruhe“ des Publizisten Gerhard Wolter herausgegeben. Im Westen herrschte über die Verbrechen im Osten völliges Schweigen. Das war auf seine Art auch so eine „Zone der totalen Ruhe“. Zur selben Zeit, als in Nürnberg über die Kriegsverbrecher zu Gericht gesessen wurde, wurden in ganz Europa viele Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben. Die Deportation der Völker der UdSSR nach Sibirien und in die Lager des GULAGs ging weiter. Wer hätte da an irgendwelche Russlanddeutschen gedacht, die dazu verdammt waren, jenseits des Urals zu sterben?

Museum

Ungeachtet dessen, dass in Deutschland bereits mehr als drei Millionen Russlanddeutsche leben und vollwertige Bürger dieses Landes sind, gibt es bisher nur ein einziges Museum zu ihrer Geschichte und ihrem kulturellen Erbe. Es befindet sich in Detmold und wurde 1988 auf Initiative der Aussiedler selbst gegründet. Die Leiterin des Museums ist eine professionelle Historikerin, Dr. Katharina Neufeld, die dem Museum in vielerlei Hinsicht sein heutiges Gesicht gegeben hat und dieser Arbeit ihre ganze Freizeit widmet. Katharina Neufeld hat die Staatliche Universität Samara absolviert, dort ihre Dissertation verteidigt und ihre wissenschaftliche Laufbahn begonnen. Seit mehr als 10 Jahren lebt sie in Deutschland, sie spricht hervorragend, sogar akzentfrei Deutsch und verfügt über große Erfahrungen in der Museums- und Archivarbeit.

Im Laufe der Zeit wurde eine einzigartige Exposition zusammengetragen, die über den historischen Weg der deutschen Minderheit in Russland berichtet, es wurde eine Bibliothek eingerichtet, seltene Dokumente und Fotos sowie Alltagsgegenstände, die aus verständlichen Gründen besonders schwer zu finden waren, werden sorgsam gehütet. In dieses Museum kann man kommen, um zu verstehen, wie die Deutschen in Russland gelebt, was sie erlebt und in welcher Tradition sie ihre Kinder großgezogen haben. Die Sammlung, die in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen wurde, sämtliche „Krümchen der Geschichte“ sind auch deshalb von besonderem Wert, weil es eigentlich niemanden gegeben hat, der sie hätte bewahren und sammeln können: In der Stalinzeit wurde praktisch Museum Detmold Die Bibliothek.JPGdie gesamte Intelligenz aus den Reihen der Russlanddeutschen aus Gründen der Nationalität ausgerottet. Katharina Neufeld sagt dazu: „Das Museum wurde auf Initiative des Russlanddeutschen Otto Gertel gegründet. Er brachte seine gesamte Energie und Überzeugungskraft in die Verwirklichung dieses, wie es damals schien, aussichtslosen Unterfangens ein. Jetzt steht in unserem Museum eine Büste Otto Gertels, denn dieser wunderbare Mensch weilt nicht mehr unter uns.“

Das Museum hat verschiedene Ausrichtungen: Geschichte, Ethnographie, Kultur, Kunst. Die Räumlichkeiten sind im Moment leider zu klein, doch aus dem „Reich“ von Katharina Neufeld möchte man nicht wieder gehen – man möchte solange wie möglich verweilen, alles lesen, ansehen, die so vertrauten Alltagsgegenstände berühren. Der historische Abschnitt von den Zeiten Katharinas II. bis zum Beginn der Massenausreise „zurück“ nach Deutschland zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde gründlich untersucht und dargestellt. Besondere Aufmerksamkeit erfährt die tragischste Seite der Geschichte, die Massenrepressalien und der unerklärte Völkermord an den Russlanddeutschen in der Sowjetzeit: es gibt Dokumente und Berichte von Augenzeugen, Bilder professioneller Künstler und von Amateuren. Besonders eindrücklich sind die originellen Bilder von Andreas Prediger, der die Stalinlager selbst erlebt hat (vor kurzem ist er 80 Jahre alt geworden).

Besonders erfolgreich war die 2005 in Paderborn durchgeführte große Ausstellung unter dem symbolträchtigen Titel „Auf Augenhöhe: Deutsche aus Russland zwischen Hoffnung und Vorurteil“, die ein breites inhaltliches Spektrum abdeckte. Das Konzept dieser Ausstellung wurde unter anderem von Katharina Neufeld erarbeitet und ausgeführt.

Studie

Ergebnisse einer Studie des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung bestätigen Einschätzungen der Aussiedler in Marzahn Nordwest und Vision e.V.

Am 26. Januar wurde die Studie „Ungenutzte Potentiale. Zur Lage der In­tegration in Deutschland“ des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung vorgestellt und für einiges Aufsehen in der Öffentlichkeit gesorgt. Sehr gut haben die Aussiedler abgeschnitten, die ge­meinsam mit den Migranten aus den EU-Ländern (ohne Südeuropäer) den Spit­zenplatz in puncto Integrationsbereitschaft einnehmen. Im Internet kann die gesamte Studie unter folgender Adresse herunter geladen werden: http://www.berlin-institut.org/studien/ungenutzte-potenziale.html. Grundlage der Beurteilung der Integrationsbereitschaft verschie­dener Migrantengruppen war der „Index zur Messung von Integration“ anhand von 20 Indikatoren, darunter die Integration in die Gesellschaft, in den Arbeitsmarkt, in das Bildungssystem usw.

Laut Studie haben die Aussiedler in Vergleich zu den anderen Migrantengruppen weniger Probleme auf dem Arbeitsmarkt und vermischen sich stark mit der ein­heimischen Bevölkerung. So haben in der ersten Genera­tion nur 17 Prozent aller Verheirateten ei­nen einheimischen Ehepartner. In der zweiten Generation vervierfachen sich die Ehen mit einheimischen Deutschen jedoch auf 67 Pro­zent. Auch in Sachen Bildung stehen die Aus­siedler gut da. Ganz ohne Bildungsabschluss sind nur 3,3 Prozent. Von der ers­ten zur zweiten Generation der Aussied­ler steigt der Anteil der Abiturienten stark an. Dabei besuchen mehr Mädchen als Jungen das Gymnasium, und Frauen schließen die Schule auch häufiger mit Abitur ab als Männer. Außerdem stellen sie anteilig genauso viele Akademiker wie die Männer ihrer Herkunftsgruppe. Wie bei der Bildung schneiden die Aus­siedler auch auf dem Arbeitsmarkt im Vergleich zu anderen Herkunftsgruppen besser ab, jedoch nie besser als die Ein­heimischen. Ein Grund für diesen Erfolg ist mit Sicherheit die schnelle rechtliche Gleichstellung. Wie bei den Einheimischen liegt die Hausfrauenquote bei nur knapp 20 Prozent. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass es in den meisten Herkunftsländern der Aussiedler üblich ist, dass Frauen berufstätig sind. Der Anteil der von öffentlichen Leistungen Abhängigen unter den Aussied­lern ist mit 13 Prozent relativ hoch aus. Das liegt vermutlich daran, dass unter den Aussiedlern viele Menschen mittleren Alters eingewandert sind, die nur schwer Anschluss auf dem Arbeitsmarkt finden. Bei den in Deutschland Geborenen hal­biert sich der Anteil der von öffentlichen Leistungen Abhängigen. Er fällt sogar geringer aus als bei den Einheimischen.

Der in Marzahn Nordwest aktive Verein der Aussiedler Vision e.V. ist sehr froh darüber, dass durch die Studie ihre Einschät­zung bestätigt wurde, wonach die Integration der Aussiedler im Allgemeinen als Erfolgsgeschichte zu be­trachten ist. Und sie darf ohne Frage stolz darauf sein, mit ihrer jahrzehntelan­gen beharrlichen Arbeit einen nicht unwesentlichen Beitrag zu dieser Erfolgsge­schichte geleistet zu haben.

willkommen

uf der Seite für die Integration von Spätaussiedlern und russischsprachigen Migranten. Seit 2002 erscheint in Berlin-Marzahn Nordwest das zweisprachige Informationsblatt „Nachbarn“, das Themen der Integration dieser Migrantengruppe behandelt. Damit wird versucht, neue Brücken der Kommunikation zu schlagen und zum Abbau von Verständigungsbarrieren beizutragen. Im Blatt werden nicht nur wichtige Informationen weitergegeben, durch das Aufgreifen von Fragen der Integration und die Darstellung unterschiedlicher Integrationsprojekte wird auch ein Beitrag zur produktiven Vernetzung verschiedener Integrationsansätze geleistet.

Um dem Bedarf an wichtigen Informationen zur Integration nachzukommen, wurde 2006 das Internetportal „Nachbarn Online“ gestartet, auf dem die Informationen sofort nach dem „Bekannt Werden“ eingearbeitet werden. Im „Archiv“ kann man die alten Ausgaben des Infoblatts „Nachbarn“ aus den Jahren 2002 bis 2005 nachlesen und für die weitere Verwendung herunterladen, unter „Geschichte“ wichtige Informationen zur Vergangenheit dieser Migrantengruppe und unter „Wegweiser“ wichtige Informationen zu den Integrationsprojekten aus Berlin-Marzahn Nordwest erhalten. Außerdem werden auch die aktuellen Ausgaben von „Nachbarn“ innerhalb der Zeitung „Nordwest“ mit ihren jeweiligen Inhalten auf dem Portal zu finden sein.

Durch die neuen Möglichkeiten der Internet-Zeitung werden in den Rubriken „Aussiedler in Berlin“ und „Aussiedler bundesweit“ auch Berichte zur Problematik der Aussiedler aus anderen Bezirken Berlins und anderen Bundesländern ins Netz gestellt. Dazu kommen noch Untersuchungen, Statistiken, Stellungnahmen, Erklärungen u.s.w. über die Zielgruppe, die in anderen Medien erschienen sind, „Statistik“ sowie unter „Termine“ die aktuellen Termine In Marzahn Nordwest.

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