Wer keine Nachbarn hat, braucht Fernseher

Mit den Kindern war bei meiner Schwester jedenfalls nichts drin. Mit ihrem Mann verstehe ich mich auch nicht besonders gut, der meint immer, er wäre der größte. Dann habe ich sie bei meinen Schwiegereltern untergebracht, weil ich ja morgens früh zur Arbeit muss. Bei uns geht’s in der Firma schon um sechs Uhr morgens los. Ich habe dafür schon um vier Uhr nachmittags Feierabend, aber ich kann ja die Kinder bis dahin nicht sich selbst überlassen. Mit dem Kindergarten hier war auch nichts, der ist ja auf Jahre ausgebucht … Da kann man sie außerdem nur am Vormittag hinbringen, nachmittags hätte sich dann keiner um sie gekümmert. Das geht ja auch nicht. Auch mit den Nachbarn ist es nichts. Wir kennen fast gar keine. In so einem Hochhaus ist das ja auch etwas anderes. Das hat Vor- und Nachteile. Die Leute zeigen jedenfalls nicht mit dem Finger auf mich und sagen, die Frau von dem ist im Gefängnis. Das weiß hier eben keiner. Andererseits könnten einem die Leute jetzt auch helfen. Gute Nachbarn wie in einer Einfamilienhausgegend ist in einem Hochhaus so gut wie nicht möglich. Ich habe deswegen fast meine gesamte Zeit am Fernseher verbracht. Am Anfang hatte ich noch einen alten schweren Röhrenfernseher mit einem leicht gebogenen Bildschirm. Irgendwann kamen die ersten Flachfernseher auf den Markt. Der Bildschirm war zwar flach, aber der Kasten dahinter war genauso schwer wie vorher. Erst seit einigen Jahren konnte ich mir endlich einen LED-Fernseher leisten. Ah ja, es gibt mittlerweile wieder soviele verschiedene Auflösungen, Kontraste etc. Aber mir reicht ein flacher Fernseher, den ich an die Wand montieren kann. So bekomme ich mehr Platz in meiner engen Wohnung.

Da habe ich die beiden dann doch zu den Schwiegereltern gebracht. Aber auch das ist nichts auf Dauer. Das ist über 20 km entfernt von hier. Denn ich bin abends oft recht fertig von der Arbeit und fahre da nicht mehr hin. Also sehe ich die Kinder, wenn es hoch kommt, zwei-oder dreimal in der Woche. Die Schwiegereltern gehen mir auf den Wecker. Jedes Mal, wenn ich dort bin, die ewigen Diskussionen und Vorwürfe. Das weiß ich langsam schon alles auswendig. Außerdem können sie nicht besonders mit den Kindern umgehen. Der Ältere fühlt sich dort auch gar nicht wohl. Hier in der Stadt ist ein Kinderhort, da können die Kinder den ganzen Tag bleiben. Ich habe schon dort angerufen und auch hingeschrieben, aber dort ist derzeit eben kein Platz zu bekommen.