Leben in den Städten

Welcher Kultur fühlen Sie sich stärker zugehörig, der russischen oder der deutschen?

Der deutsch-russischen oder, wenn Sie so wollen, der russisch-deutschen. Ich trenne das Russische und das Deutsche in mir nicht, sie sind in mir verschmolzen. Um so mehr, als sie so viel gemeinsam haben…

Russland und Deutschland – ist das eine glückliche Ehe oder eine Ehe aus Berechnung?

Ich weiß nicht, ob sie glücklich ist, auf Berechnung beruht sie jedenfalls nicht. Was soll das auch für eine Berechnung sein, wenn das Schicksal seine Hand im Spiel hat? In mir lebte zuerst das Gefühl, deutsch zu sein. Was das war, warum ich es spürte, ich weiß es nicht. Solange ich denken kann, habe ich mich als Deutscher gefühlt, wobei ich in der Atmosphäre eines Dorfes im Gebiet Wladimir aufgewachsen bin, und eine „russischere“ Atmosphäre kann man sich nicht vorstellen, sodass ich natürlich alles Russische in mich aufgenommen habe. Deshalb steht es mir genauso nah wie das Deutsche. Ich denke, ich kann mich sehr gut in einen russischen Menschen hineindenken, ich denke, ich wurde auch dadurch geprägt, doch da war auch die Familie, eine richtige typisch deutsche Familie, meine wunderbaren Eltern, die mich erzogen und mir zu Bildung verholfen haben. Dennoch hatte ich immer das Empfinden, meinem Deutschsein würde etwas fehlen, das ich auffüllen wollte, um ein richtiger Deutscher zu werden. Deshalb ging ich auch an die Hochschule für Fremdsprachen und studierte nicht Philosophie, was ich eigentlich mehr gewollt hätte. Dann aber habe ich mich in die deutsche Literatur verliebt, und sie ist mein Beruf geworden. Nebenbei bemerkt, mache ich auf meine deutschen Freunde übrigens immer den Eindruck eines Russen. Logisch ist das natürlich an keiner Stelle.

Wiktor Astafjew hat geschrieben: „Der russische Mensch ist so ein Abgrund…“ Was können Sie dazu sagen, und was ist die russische Kultur im gegenwärtigen Kontext – und was die deutsche?

Was den Abgrund betrifft, so ist das ein ewiges russisches Gesprächsthema und auch ein immer wieder notwendiges, doch es erfordert sehr viel Zeit. Über dieses Thema kann man gut nächtelang in der Küche mit einem Freund philosophieren, der aus Sibirien nach Moskau gekommen ist, wenn die Frau und die Kinder schon schlafen, besonders bei der zweiten Flasche Wodka. Das ist die sowjetische Version, nicht die von Turgenjew. Doch das Gespräch dreht sich dennoch um ein und dasselbe. Interessant ist an Ihrer Frage etwas anderes: Sie haben gleich nach der russischen und der deutschen Kultur gefragt, und im 20. Jahrhundert haben sie doch beide furchtbare Erschütterungen hinnehmen müssen. Es ist symptomatisch, dass auch die vorangegangenen Tragödien dieser Völker immer zur selben Zeit passierten: Das 17. Jahrhundert war sowohl für Russland als auch für Deutschland ein Jahrhundert der Erschütterungen. In Deutschland war nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht einmal mehr ein Drittel der Bevölkerung übrig, und ebenso viele Häuser waren zerstört. Die Erfahrung des Leidens und der anschließenden Suche nach einem neuen Lebensmodell bringt die Deutschen und die Russen einander näher.

Aber sie trennt sie doch auch. Denn die Deportation nach Sibirien und Kasachstan ist eine der tragischsten Seiten in der Geschichte der Deutschen in Russland…

Ich würde die deutsche Gesellschaft gern daran erinnern, dass das Schicksal der Russlanddeutschen nicht nur ihre Privatangelegenheit ist, sondern auch ein Bestandteil des Schicksals des ganzen deutschen Volkes. Von allen „weißen Flecken“ in der Geschichte der vertriebenen Deutschen ist gerade die Geschichte der Russlanddeutschen im Bewusstsein der derzeitigen Bürger der Bundesrepublik Deutschland der „weißeste Fleck“. Gerade deshalb sprechen wir heute nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart und die Zukunft. Gerade deshalb habe ich, als ich meinen Verlag gegründet habe, als eines der ersten Bücher „Die Zone der totalen Ruhe“ des Publizisten Gerhard Wolter herausgegeben. Im Westen herrschte über die Verbrechen im Osten völliges Schweigen. Das war auf seine Art auch so eine „Zone der totalen Ruhe“. Zur selben Zeit, als in Nürnberg über die Kriegsverbrecher zu Gericht gesessen wurde, wurden in ganz Europa viele Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben. Die Deportation der Völker der UdSSR nach Sibirien und in die Lager des GULAGs ging weiter. Wer hätte da an irgendwelche Russlanddeutschen gedacht, die dazu verdammt waren, jenseits des Urals zu sterben?